Taekwondo und wie es mir helfen kann

 

Vor einiger Zeit schrieb ich über neun Faktoren, die unsere Entwicklung im Taekwondo einschränken können. Dabei bezog ich mich in erster Linie auf die Laufbahn als Taekwondo-Ka. Seitdem ich diese Artikel schrieb, beschäftige ich mich mit der Frage, ob Taekwondo uns im Leben tatsächlich weiterhelfen kann. Nicht nur innerhalb der vier Wände des Dojangs, sondern auch in unserem alltäglichen Leben.

Der aktuelle Beitrag ist aus der Sicht eines  Trainers geschrieben, der seine Erfahrung mit anderen Trainern und langjährigen Taekwondo-Praktizierenden austauschen möchte.

Warum Taekwondo?

Auf diese Frage gibt es sicherlich unzählige Antworten. Meiner Erfahrung nach kommt es häufig vor, dass ein Anfänger sich für Taekwondo entscheidet, mehr Selbstbewusstsein, um innere Stärke und Selbstsicherheit zu entwickeln.

Ich selbst hatte andere Motivatoren, die mich zum Taekwondo geführt haben und dennoch: Durch die zahlreichen Prüfungen, durch Auftritte vor großem Publikum und nicht zuletzt durch die unzähligen Stunden als Trainer wurde mein Charakter gefestigt. Durch das Training gelang es mir zu erkennen, dass es immer eine Lösung gibt, was mir in der Folge auch zu mehr Selbstsicherheit verholfen hat.

Taekwondo – Schule für Körper und Geist

Schließlich heißt es ja auch, dass Taekwondo zur Stärkung von Körper und Geist beiträgt und bei mir hat dies sicherlich funktioniert. Doch woran lag das? Lag es an dem, was ich bereits mit zum Taekwondo brachte oder an dem, was ich mir im Laufe der Jahre dort aneignete? Und wie ist es mit Menschen, die möglicherweise einen weniger schönen Lebensweg hatten und im Taekwondo neue Hoffnung suchen? Ist Taekwondo als Schule für Körper und Geist zu verstehen, in der sich der Lernerfolg automatisch einstellt?

Aus meiner heutigen Sicht denke ich, dass eine verbesserte Lebensqualität kein Automatismus ist. Um bei der Analogie der Schule zu bleiben: Wer den Unterricht zwar mitnimmt, aber nicht aufmerksam verfolgt, wer seine Hausaufgaben nicht gründlich macht, sich nicht mit seinen Mitschülern austauscht und den Lehrer nicht mit Fragen löchert, wird hinter seinen Möglichkeiten zurück bleiben. Einfach nur Anwesend zu sein ist weder im Unterricht, noch im Taekwondo-Training auf lange Sicht genug, um die eigenen Fähigkeiten zu erweitern und die Persönlichkeit zu festigen.

Der Blick des Trainers

Die meisten Hürden, die uns das Leben erschweren, setzen wir uns selbst. Oftmals ohne uns dessen bewusst zu sein. Durch hartes Training, einen guten Trainer und den ständigen Austausch zwischen Lehrer und Schüler können einige dieser Hürden im Rahmen des Taekwondo-Unterrichts überwunden werden. Im klassischen Taekwondo gehört es zu der Verantwortlichkeit des Trainers, das geistige Wohl seiner Schüler aktiv zu fördern. Wer ernsthaft Taekwondo betreibt, insbesondere als Trainer, bekommt einen Blick für die Grenzen, die sich die Menschen selbst setzen.

An der Art und Weise, wie ein Mensch Taekwondo betreibt, lässt sich für das geübte Auge sehr viel über den Charakter und die Lebensweise des Menschen ablesen. Wenn wir in eine Form oder eine anstrengende Übung vertieft sind, zeigen sich oft unsere wahren Gefühle und Gedanken. Einige Menschen beginnen bspw. unwillkürlich zu schmunzeln, andere dagegen setzen einen völlig verbissenen Blick auf. Und auf so manchem Gesicht habe ich schon eine tiefe Traurigkeit gesehen. Wer selbst erfahrener Trainer ist, hat sicherlich ähnliche Beobachtungen gemacht.

Der Wegweiser

Doch was ist für mich als Trainer die Konsequenz aus diesen Einblicken?

Eine einfache Antwort auf diese Frage habe ich bisher nicht gefunden. Ich entscheide individuell, je nach aktueller Situation und dem Verhältnis zum jeweiligen Schüler. Auf einige kann ich ganz direkt zugehen. Zu anderen wiederum besteht dafür (noch) nicht das notwendige Vertrauensverhältnis.

Oftmals gebe ich den Schülern nur einen Denkanstoß. Manchmal auch zwei oder drei. Jedoch stets mit größtem Respekt und der Gewissheit, dass ich selbst schon unzählige Male in einer Situation gewesen bin, in denen ich meine inneren Hürden nicht sofort erkannt habe. Nicht selten habe ich selbst einen kleinen Schubs in die richtige Richtung gebraucht, bevor ich meinen inneren Konflikt erkennen und lösen konnte. Dem außenstehenden Beobachter fällt es schlichtweg oft leichter gewisse Entwicklungen zu sehen als demjenigen, der gerade darin verstrickt ist.

Erkenne ich, dass ein Schüler mit sich hadert, so zeige ich in eine bestimmte Richtung. Wie ein Wegweiser, den jemand nach besten Wissen und Gewissen aufgestellt hat, um dem Wanderer zu seinem Ziel zu führen. Der Wegweiser zwingt jedoch niemanden den vorgeschlagenen Weg zu gehen. Er beansprucht für sich nicht den einzig richtigen Weg anzuzeigen. Er fühlt sich auch nicht angegriffen, wenn jemand einen anderen Weg wählt. Der Wegweiser ist lediglich als eine Handlungsempfehlung für den Wanderer zu verstehen. Die Verantwortung für die Wahl des eigenen Weges verbleibt stets beim Wanderer selbst.

Der Weg ist das Ziel… oder doch nicht?

Der beste Wegweiser nützt natürlich nichts, wenn der Wanderer überhaupt nicht weiß, wo er überhaupt hin möchte. Während der Startpunkt unserer (Lebens-)Reise fest in unserer Vergangenheit verankert ist, kann und wird sich die von uns eingeschlagene Richtung im Laufe unseres Lebens immer wieder ändern.

Wir alle haben sicherlich schon Situationen erlebt, in denen wir unsere Orientierung verloren haben. Wir beginnen ein Studium, weil es uns vielversprechend erscheint, zweifeln aber irgendwann daran, ob es überhaupt das Richtige für uns ist. Wir wechseln den Job, weil wir uns eine Verbesserung in unserem Leben erhoffen, doch wir finden nicht, was wir gesucht haben. Möglicherweise leben wir in unserem Alltag vor uns hin und haben vergessen, was wir einst erreichen wollten.

Ohne ein konkretes Ziel kommen Verbesserungen zum Erliegen. Eine Routine stellt sich ein, die wir nicht mehr hinterfragen. Es kommt zum Stillstand in unserer Entwicklung, denn ohne echtes Ziel fehlt uns der Anspruch an uns selbst, unser Leben zum besseren zu verändern. Selbst wenn wir mit unserem heutigem Leben sehr zufrieden sind, so ist es eine Illusion zu glauben, wir könnten dieses Zustand für immer festhalten. Früher oder später kommt es zu Veränderungen. Wenn wir nicht wissen, was wir eigentlich wollen, können wir uns in diesen Situationen sehr verloren vorkommen.

Ziele finden, Ziele setzen, Ziele erreichen

Zurück zu meiner Rolle als Trainer. Kürzlich kam ich zu der Überzeugung, dass ich selbst an der Art und Weise, wie ich unterrichte, neu ausrichten möchte. Der körperliche Aspekt des Trainings ist für mich weiterhin wichtig und stellt die Basis des klassischen Taekwondos dar. Doch die geistigen Aspekte rücken für mich immer mehr in den Vordergrund. Nicht nur, weil ich selbst älter werde und nicht mehr alle Bewegungen und Techniken durchführen kann, die mir noch vor wenigen Jahren möglich waren. Sondern vor allem, weil in mir der Wunsch immer stärker geworden ist, meine Erkenntnisse, die ich im Laufe der Jahre gewonnen habe, unmittelbar mit meinen Schülern zu teilen.

Zunächst begann ich damit Technik-orientierte Kurse anzubieten. Im normalen Trainingsbetrieb bleibt oft nicht die Zeit, um die Funktionsweise und Hintergründe bis ins letzte Detail zu besprechen. So habe ich Anfang des Jahres beispielsweise zwei 1,5-stündige Workshops organisiert, die sich nur um den Yop Ch’agi (Sidekick) drehten. Und selbst nach diesen insgesamt drei intensiven Stunden hatte ich nicht einmal alle mir bekannten Varianten dieser Tritttechnik behandelt. Manchmal erkennt man die Kunst des Taekwondos in einem einzelnen Kick.

Inspiriert durch die Morgenmediation, die Großmeister Son seit Jahrzehnten im Rahmen des Trainingslagers in Porec anleitet, gehe ich nun einen sehr direkten Weg, um meine Erfahrungen und Erkenntnisse zu vermitteln. Kürzlich leitete ich daher mein erstes Seminar, in dem es im Schwerpunkt nicht um das körperliche, sondern um das geistige Training ging. Genauer gesagt drehte es sich um die Frage, wie ich erstrebenswerte Ziele überhaupt finden und setzen kann. In Folgeseminaren werde ich mit meinen Schülern lösungsorientierte Strategien erarbeiten, die uns befähigen unsere Ziele auch tatsächlich zu erreichen.

Dies ist auch für mich ein neuer Weg in meiner Rolle als Trainer und Lehrer. Es ist spannend, sich dieser Herausforderung zustellen, von der im besten Fall nicht nur ich, sondern auch die Teilnehmer der Seminarreihe profitieren. Doch das Urteil über Letzteres, überlasse ich meinen Schülern selbst.


Werte Trainer-Kollegen, nun habe ich meine jüngsten An- und Einsichten mit euch geteilt. Es interessiert mich sehr, wie ihr zum Thema ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘ steht. Welche Wege wählt ihr um eure Schüler noch stärker zu befähigen, sich den Herausforderungen des Alltags erfolgreich zu stellen? Ist das nach eurer Ansicht überhaupt möglich? Sehr ihr es als Bestandteil eurer Verantwortung als Trainer?

Wenn ihr eure Meinung mit mir teilen wollt, schreibt mir einfach.

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